Wie man seinen Vater erzieht

website builder Eltern sorgen für ihre Kinder – so soll es sein. Mit zunehmendem Alter werden diese Rollen aber schon mal vertauscht, hat Kurt Schreiner erfahren.

Dass Väter nicht immer so unfehlbar sind, wie sie es früher immer gepredigt haben, ist augenscheinlich. Besonders dann, wenn sie älter und bequemer werden; besonders auch, wenn irgendwann einmal die liebe Frau, die immer nach dem Rechten gesehen hat, fehlt. Das tut jetzt meine Tochter Melanie von Zeit zu Zeit.

Es ist ja überhaupt nicht böse gemeint, wenn sie mahnt, dass die Zahnbürste endlich einmal ausgetauscht werden sollte, dass die Serviette große braune Soßenflecken aufweist, dass die Geranien vor der Haustür nach Wasser verlangen, dass man am Sonntagmorgen nicht unrasiert am Kaffeetisch erscheint, dass die Socken spätestens jeden zweiten Tag gewechselt werden müssen. Vielleicht ist es die Sorge, dass der Papa so langsam, unmerklich fast, in die Asozialität abgleitet – so wie der Bettler, der alle Tage am Bahnhofsportal hockt, oder der gelegentliche Gartenhelfer, der nur dann erscheint, wenn er einen guten Tag hat und bereits nach anderthalb Stunden den Spaten sinken lässt: „Ist doch etwas zu viel heute Morgen.“

Lustiges Versteckspiel

Nein, so weit bin ich noch nicht. Natürlich spüre ich, dass die Bewegungen langsamer werden, dass ich größere Anstrengungen vermeiden sollte und dass die Augen eben nicht mehr so gut sehen wie vor dreißig oder vierzig Jahren. Da liegt dann schon einmal ein Stück Papier oder eine Eierschale auf dem Fliesenboden. Aber was macht das denn, wenn man es gar nicht wahrnimmt?

In meinem Senioren-Haushalt hat alles seinen festen Platz, vor allem auch deshalb, weil ich die Essigflasche oder die Spülmaschinentabs, den Deckel der Bratpfanne oder den Dosenöffner ja ohne langes Suchen wiederfinden möchte. Eigentlich gibt es da kaum Probleme – jedenfalls so lange nicht, bis Tochter Melanie erscheint und in der Küche, der Speisekammer, dem Bad und im Keller zum Appell bläst. Den Pürierstab – ich brauchte ihn, um mir eine Erbsensuppe zu kochen – habe ich trotz intensiven Suchens noch immer nicht wiedergefunden. Auch der Messbecher und die Eieruhr fehlen. Sicher auch andere Dinge, die ich in den letzten Tagen nicht benötigt habe.

Was man noch so braucht

Inzwischen habe ich mir angewöhnt, den Abfalleimer zu kontrollieren, sobald meine Tochter das Haus verlassen hat. Die angebrochenen Marmeladen- und Senfgläser, die dort liegen, sind zwar nicht mehr zu retten. Wohl aber der Spiritusbrenner, den ich gekauft hatte, um meinem Enkel zu zeigen, dass Kupferdraht eine Flamme grün färbt. Ich freue mich, wenn der Knirps das kleine Wunder voller Begeisterung betrachtet und mir geradezu Löcher in den Bauch fragt.

Der Spiritusbrenner? Meine Tochter hat ihn für ein in Vergessenheit geratenes Fläschchen mit Nagellack oder Nagellackentferner gehalten. Und so etwas muss nicht monate- oder jahrelang in der Küche herumstehen.

Ja, das Lieblingsglas, ein Werbegeschenk mit aufgedruckter Herkunft, wird oft von mir benutzt. Es ist einfach praktisch und formschön. Aber dann war auch das verschwunden. Ich fand es zufällig wieder, als ich mit einem Einkaufskorb voller leerer Flaschen, Gurken-, Rotkohl- und Rollmopsgläser zum Altglascontainer fuhr. Immerhin, jetzt steht es wieder – vorläufig jedenfalls – an seinem angestammten Platz im Küchenschrank. Und wenn ich ein Glas Johannisbeersaft oder Bitter Lemon daraus trinke, dann schmeckt das doppelt gut!

Das Beste und die Beste

All das schreibe ich ohne Vorwurf. Meine Tochter will das Beste. Vielleicht könnte ich ihr gelegentlich einmal einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl geben oder etwas eindringlicher nachfragen, wo ich den Pürierstab oder die Tischdecke für den Esszimmertisch, die Rosenthal-Blumenvase oder die Gartenschere suchen sollte. Wichtig ist, dass sie immer wieder einmal – gerade in diesen Zeiten – bei mir vorbeikommt und nach dem Rechten sieht – und lange, lange mit mir redet. Notfalls müssen wir uns dann einfach zusammen auf die Suche machen.

 

Kurt Schreiner wohnt in Öhringen (Baden-Württemberg).