Lachen, Locken, Leben – einfach „Lui“

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Luitgardis Parasie ist eine Pastorin, unterwegs mit Humor, Gespür für die Menschen und Psalm 91 – auch im Ruhestand. Christiane Schilling-Leuckhardt hat mit ihr gesprochen.

 

Mit einladend-pastoraler Geste, aber ohne Talar, tritt sie nach 20 Dienstjahren das letzte Mal vor ihre Gemeinde. Doch von den Gemeindemitgliedern ist in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde im niedersächsischen Northeim-Langenholtensen keine Spur, nur virtuell vor den Bildschirmen sind sie voll dabei, auf dem neu eingerichteten YouTube-Kanal ihrer Gemeinde KircheLahoTV. Denn es ist Corona-Zeit … So hat sie sich ihren Abschiedsgottesdienst Ende April sicher nicht vorgestellt. Sie macht das Beste daraus. Die Rede ist von Luitgardis Parasie, der lebenslustigen Pastorin mit dem paradiesisch klingenden Namen, wohl bemerkt mit Betonung auf der zweiten Silbe.

Autorin, Therapeutin, Rednerin – und natürlich die Frau aus dem Radio ist sie auch. Beim NDR 1 ist sie regelmäßig morgens bei den „Zwischentönen“ zu hören, einem speziellen Format mit kurzen Beiträgen der Evangelischen Kirche für den Rundfunk im Norden.

Anpackend und begeisternd

Schon bei der Verabredung unseres Termins am Telefon fiel mir ihr markantes Lachen auf. Irgendwie ansteckend. Sofort sympathisch. Eine lebensfrohe Frau, unkonventionell und mit klarer Ausrichtung. Vorausgehend. Gewinnend. Zugewandt. Mutig. Ihre auffallenden rot-braunen Locken verraten: Sie ist nicht stromlinienförmig angepasst, sondern verlockend anders. Und das, wo ich es nicht zuerst erwartet hätte: in der Kirche. Sie ist eine Frau, die mitziehen und begeistern kann – und die ein gutes Gespür für Menschen hat.

Selbst beschreibt sich Luitgardis Parasie als „fröhlich und optimistisch“, als eine, die „Dinge anpackt und andere Menschen motivieren kann“. Ihr Name „Luitgardis“ stammt aus Flandern, von wo auch ihr Vater kommt, und bedeutet so viel wie „Leutebeschützerin“. Das könnte ja zu einer Pastorin passen: Acht zu geben auf ihre Schäfchen. Aber: Nein, als „Leutebeschützerin“, so sieht sie sich gar nicht. Eher als Motivatorin, sagt Luitgardis Parasie, meist kurz „Lui“ genannt.

Genau das sagen ihre Mitmenschen ebenfalls über sie. Manchmal hätten sie sich im Nachhinein gefragt, ob sie von „Lui“ zur Mitarbeit überredet worden seien oder ob sie von allein zugestimmt hätten, selbst auf die Idee gekommen seien.. Ja, sie kann gut abgeben und delegieren, was bei der Fülle ihrer Aufgaben sehr hilfreich ist. „Du hast mir etwas zugetraut“, hört sie zum Abschied aus ihrem Pastorinnendienst von Mitgliedern ihrer Kirchengemeinde, in der sie als Pastorin und Seelsorgerin mit einer halben Stelle tätig war. Eine Aufgabe, die sie „heiß geliebt“ hat, wie sie sagt. „Pastorin ist einer der abwechslungsreichsten Berufe, die es gibt“, schwärmt sie.

Mehrfache Berufung

Eine Art Berufung gab es in ihrem Leben auch. 1954 geboren und im Südwesten der Lüneburger Heide aufgewachsen, machte sie zunächst ihr Abitur. „Weil ich so schlecht in Mathe war, brauchte ich Nachhilfe“, erinnert sie sich. Ihre Nachhilfe-Lehrerin hat sie eines Tages zu einem Jugendkreis eingeladen. Dort hörte sie zum ersten Mal, dass sie eine Beziehung zu Jesus Christus haben könne. Dann, auf einer Silvester-Freizeit, entschloss sie sich fürs Studium der Theologie.

Zum journalistischen Schreiben kam sie durch ein dreiwöchiges Intensiv-Seminar und, wie sie meint, sicher auch durch ihren Vater, der selbst Journalist war. Zunächst schrieb sie für die Jugendseite der Zeitung „Rheinischer Merkur“, später für die „Evangelische Zeitung“ über Alltagserlebnisse mit geistlichem Bezug. Daraus ist später ihr erstes Buch „Die Skandalpredigt“ entstanden. Weitere sollten folgen. Bis heute ist das Schreiben ein fester Bestandteil in ihrem Leben.

Nachdem sie mit einem Vikariat in Göttingen und dem zweiten Theologischen Examen in Hannover ihr Studium abgeschlossen hatte, schloss sich eine Pastoren- und Berufsschulpastorenzeit in Sudershausen und Göttingen an. Schließlich folgte eine Zusatzausbildung zur systemischen Therapeutin und Beraterin. Da war sie bereits fast 19 Jahre mit dem Theologen, Arzt und Psychotherapeuten Jost Wetter-Parasie verheiratet und Mutter von zwei Mädchen und einem Jungen. Im Jahr 1993 führte die Familie ihr Weg in die malerische Kleinstadt Northeim, wo bis heute der Lebensmittelpunkt des Ehepaars ist. 2000 fing Luitgardis Parasie als Pastorin im Dorf Langenholtensen an, das vor den Toren Northeims liegt. Neben der Gemeindearbeit rief sie dort auch das überregionale Gemeindemagazin „Nortsicht“ ins Leben.

Zwischenzeitlich überlegte sie, zum Journalismus zu wechseln oder auch ganz als Therapeutin zu arbeiten. Doch sie blieb dem Dienst als Pastorin treu. Was sie daran schätzt? „Der Heilige Geist bewirkt etwas. Leute kommen zum Glauben. Ich darf miterleben, was passiert, wenn ich mit Menschen gebetet habe.“ Als Seelsorgerin bietet sie Ratsuchenden oft auch das Gebet an. „Im Pastorenberuf kann ich viel Kreativität leben und erleben, vieles ausprobieren und Ideen umsetzen.“

Menschen für Jesus begeistern

So auch in ihrer Gemeinde: Über die Jahre von 2000 bis 2020 entstand aus einer Handvoll Leuten eine lebendige Gemeinde. Damals hat sie bei „Null“ angefangen, viel Aufbauarbeit geleistet und dabei nie das Ziel aus den Augen verloren. Selbstverständlich mit missionarischer Ausrichtung.

Äußerlich musste die Kirche saniert werden. Eine neue Heizung musste her, die Orgel repariert, der Kirchturm und die Kirchendecke erneuert und die Kirchenbänke renoviert werden. Auch Gemeindehaus, Außenanlagen und Wege brauchten Zuwendung. „Das Beste:“, so Luitgardis Parasie: „Gerade in der Bauphase herrschte die totale Aufbruchsstimmung.“ Das Bauen an Gottes Haus ging einher mit dem Aufbau der Gemeinde. Die Gottesdienste wurden wieder gut besucht, besonders von jungen Familien. Parallel dazu gab es Kindergottesdienste mit bis zu 25 und während der jährlichen Kinderbibelwoche sogar bis zu 50 Teilnehmern. Alle zwei Jahre wurde ein Kinder- und Jugendmusical einstudiert und aufgeführt, mit bis zu 50 Jugendlichen. „Menschen ließen sich begeistern für Jesus“, so Parasie. Sie initiierte Glaubenskurse. „Da war total viel Schwung und Energie“ – Energie, die ganz sicher auch von ihr ausging. Denn Geduld gehört weniger zu ihren Stärken, gibt sie lachend zu.

Bei ihrem Verabschiedungsgottesdienst Ende April dieses Jahres sagt sie: „Das gehört zu meinen schönsten Erfahrungen als Pastorin, wenn Menschen merken: Christsein ist nicht eine Art Wohlanständigkeit, sondern es kommt auf die persönliche Beziehung zu Jesus Christus an.“ Wie befreiend!

Und nun geht sie von Bord, von „dem Schiff, das sich Gemeinde nennt“, wie es in einem Lied heißt. Dabei betont sie klar und deutlich in ihrer Predigt: „Die Kirche ist kein Kreuzfahrtdampfer, sondern ein Rettungsboot.“ Das müsse im Blick bleiben. Die Ausrichtung auf die Ewigkeit – das hat ihrer Ansicht nach absolute Priorität und ist Alleinstellungsmerkmal der Kirche.

Abendmahl „online“

Foto: privat

In ihrem Dienst ging Luitgardis Parasie immer unkonventionelle und mutige neue Wege: So auch während der Corona-Versammlungsverbote, die auch die Gottesdienste betrafen. Nich nur das Wort Gottes gab es über einen YouTube-Kanal. Sie feierte zum ersten Mal mit ihren Gemeindemitgliedern das Abendmahl „online“ – jeder da, wo er war, zu Hause mit Brot und Wein und sie in der Kirche. Nicht von allen Oberen ihrer Landeskirche wurde das gern gesehen, aber das hat sie erst hinterher bemerkt. Die Menschen, auch viele Ältere seien dankbar gewesen und hätten das Abendmahl in dieser gezwungenermaßen ungewöhnlichen Form zu Hause vor dem Bildschirm eingenommen. „So eine virtuelle Gemeinschaft kann sehr intensiv sein“, stellt Parasie fest.

 

Mit ihrem Ehemann Jost Wetter-Parasie, in dessen Praxis für Allgemeinmedizin und Psychotherapie sie bis heute stundenweise als Paar- und Familienberaterin mitarbeitet, veröffentlicht sie schon seit Jahren Bücher zu Lebenshilfethemen. Zuletzt erschien im Neukirchener Verlag: Starke Mütter, Starke Töchter. „Ein Thema, auf das Frauen bei meinen Vorträgen sehr stark reagieren, denn jede hat ihre eigene Mutter-Tochter Geschichte“, sagt sie.

Ob es bei so viel Gemeinsamkeiten und Nähe auch mal Konkurrenz zwischen ihr und ihrem Mann gibt, frage ich nach. Sie verneint. Dafür

seien die Arbeitsbereiche zu verschieden. Ihr Mann habe sie immer unterstützt im Gemeindedienst, z. B. war er der Leiter des Technikteams für den Gottesdienst.

 

„Luxusprobleme“

Vor dem Corona-Virus hat Luitgardis Parasie keine Angst. Voller Gottvertrauen meint die Pastorin: „Wenn ich sterbe, dann sterbe ich. Mein Leben ist in Gottes Hand.“ Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unter Gottes Schirm und mit dem Kfz-Kennzeichen PS 91 – ihrem Lebensmotto – unterwegs: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“ (Psalm 91,1). Gedanken macht sie sich eher um andere, etwa ihren Mann, der als Arzt an vorderster Front steht. Oder um die vielen Flüchtlinge und die Armen in anderen Teilen der Erde, z. B. in Afrika, die die Krise viel härter treffe als unsereins.

In ihren Gedanken ist sie zum Beispiel bei der Region Tandala in Tansania, zu der ihre Kirchgemeinde schon seit Jahren eine Partnerschaft pflegt. Die ist eine von Parasies Herzensanliegen, das spürt man ihr ab. Durch die Corona-Krise und unseren Umgang damit komme dringende Unterstützung nur noch eingeschränkt dort an. „Bei uns haben wir ein Luxusproblem“, so schätzt sie es ein. In Tansania sind oft 60 Kinder in einer Klasse, fünf bis zehn Kinder teilen sich ein Lehrbuch. Vor dem Besuch der Schule müssen sie oft noch arbeiten, die Ziege füttern, Wasser holen oder die Oma versorgen, weil ihre Eltern an Aids verstorben sind und es sonst keiner macht, erzählt sie.

In Deutschland meistern viele Familien die Zeit der Corona-Beschränkungen kreativ und manche genießen sogar die gemeinsame Zeit. Das weiß sie auch aus der eigenen Familie – von ihren drei inzwischen erwachsenen Kindern. Ihr selbst fehlte natürlich der Kontakt zu ihren drei kleinen Enkelinnen sehr. Denn so verpasste sie viele Entwicklungsschritte. Sie lädt aber alleinstehende Freunde ein oder trifft sich mit ihnen zum Walken und Joggen. So läuft sie sich frei und bekommt Kraft für neue Aufgaben.

Foto: Dietrich Kuehne

 

Menschen sind ansprechbarer auf Gott

Eher als Familien verunsichert die Corona-Krise ihrer Meinung nach Alleinstehende, Alleinerziehende oder sozial schwächer gestellte Menschen: „Die ständig neuen Regeln und Informationen verwirren zahlreiche Menschen mehr, als dass sie helfen“, weiß die passionierte und nun pensionierte Pastorin aus ihrem Alltag zu berichten. „Da wäre mehr Unterstützung nötig.“

Doch eines beobachte sie auch mit Freude: „Die Menschen sind viel leichter auf Gott anzusprechen. Unsere Gottesdienste über den YouTube-Kanal KircheLahoTV wurden sehr gut angenommen. Wir erreichten auch Menschen, die sonst nicht in die Kirche kommen und erhielten sehr viele positive Rückmeldungen.“ Das erklärt sie sich so: „Zu Hause lässt sich die Sehnsucht nach Gott, ihn zu brauchen, vielleicht leichter zugeben.“

Ein eigener YouTube-Kanal könnte eine neue kreative Idee für ihren Ruhestand werden, sagt sie schmunzelnd. Zur Ruhe wird sich Luitgardis Parasie ganz sicher noch nicht setzen. Im Juni war sie Urlauberpastorin auf Juist, im September wird sie es auf Langeoog sein. Seit langem ist eine Familienfreizeit im Oktober auf Korsika geplant. Aber „da müssen wir erst mal sehen, wie sich die Situation entwickelt“, sagt sie. Vielleicht schreibt sie auch ein weiteres Buch. Vieles kann sie sich da vorstellen. Und bei den „Zwischentönen“ von NDR 1 wird sie ganz sicher weiterhin zu hören sein.

Bei mir bleibt nach unserem Treffen die Erinnerung an ein Gespräch und die überraschende Feststellung, dass wir manches gemeinsam haben: Die Theologie, die Therapie, die Liebe zum Schreiben und zur Kreativität und jeweils einen Vater, der mit Leib und Seele Journalist war. Und unterwegs auf meinem Weg zeigt sie mir, dass es geht: all das zusammen zu halten. Sie ist eben eine Motivatorin. Danke, „Lui“, für die inspirierende Begegnung.

Christiane Schilling-Leuckhardt ist Redakteurin, Therapeutin und Theologin und wohnt mit ihrer Familie im Herzen Ostfrieslands.