Das Tröpfeln der Gnade

website builder Ehepaar Moser begegnet einem Lehrer, der sie als Kinder gequält hat.

Meine Gattin und ich besuchten die gleiche Grundschule, doch nicht die gleiche Klasse. Aber wir hatten den gleichen Mathematik-Lehrer. Er war ein unglaublicher Sadist. Wenn wir auf seine Fragen keine Antwort wussten, folterte er uns Buben körperlich. Dabei zog er uns an den Schläfenhaaren aus dem Stuhl heraus und verpasste uns unvermittelt beidhändig zwei kräftige Ohrfeigen.
Oder er bearbeitete uns mit einer gestutzten Haselrute zwischen den Ohren und über der Nasenwurzel. Mir hat er damit einmal ein blutunterlaufenes Auge verpasst, zum Verwundern meiner Eltern! Ich ließ sie im Glauben, dies sei das Resultat einer harmlosen Balgerei.
Die Mädchen drangsalierte er mit erniedrigenden Sprüchen, wie: „Kotz’ heraus mein Kind, du hast den Teufel gefressen.“ Weil er wusste, dass die Eltern meiner Frau Mitglied einer Freikirche waren, sagte er zu ihr: „Du wirst dann schon in den Himmel kommen, auch wenn du nicht rechnen kannst, der liebe Gott wird dir schon gnädig sein.“ Ich kam nach Schulaustritt über diese Quälereien ziemlich rasch hinweg. Ein stückweit wurde ich versöhnt, weil ich anlässlich meiner weiteren Ausbildung feststellen konnte, dass ich in Mathematik beim boshaften Lehrer doch recht viel gelernt hatte. Bei meiner sensiblen Frau war das ganz anders. Sie musste ihn auch später im Rahmen ihrer beruflichen Ausbildung als Lehrer ertragen. Das hat sie tief gekränkt und verletzt. Sie erlebte noch viele Jahre, bis in unsere Ehe hinein, Angstträume, in denen er sie peinigte. Bis ein Wunder geschah.
Wir besuchten eines Tages gemeinsam im schönen Emmental eine Gemäldeausstellung mit Schweizer Künstlern. Plötzlich stand meine Frau vor ihrem alten Lehrer. Die beiden schauten sich an. Er streckte ihr die Hand entgegen und nannte ihren Namen. Sie erfasste die Hand und sagte in ihrer spontanen Art zu ihm: „Ich habe von ihnen immer wieder geträumt.“ Erschrocken fragte
er zurück: „Positiv oder negativ?“ Sie: „Natürlich negativ!“ Er fuhr fort: „Hast du mir vergeben?“ Da erwiderte meine Frau, ohne nachzudenken, direkt aus dem Bauch heraus: „Ja“.
Damit war der ganze Druck, der beim Namen ihres früheren Lehrers auf ihr gelastet und sie auch nachts belästigt hatte, weg. Sie träumte von da an nie mehr von ihm und konnte später auch angstfrei davon erzählen. Sie durfte erleben, was C.S. Lewis „Tröpfeln der Gnade“ nennt, etwas, das die tiefe Sehnsucht weckt „nach dem Duft der Blume, die wir noch nicht gefunden haben, nach einer Melodie, die wir nicht gehört haben, nach Neuem aus einem Land, das wir noch nie betreten haben.“

Samuel Moser war Chefbeamter der Schweizerischen Zollverwaltung und ist ehemaliger Präsident des Schweizer Freikirchenverbandes.