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Der Bischof und die Freaks

Von Kristina Petzold


Das ehemalige Kasernengelände, auf dem sich jedes Jahr die "Jesus Freaks" zu ihrem "Familientreffen", dem Freakstock, einfinden, gehört dem Koptischen Kloster Höxter-Brenkhausen. Die "jungen Wilden" sind gern gesehene Gäste der traditionsreichen Orthodoxen. Kristina Petzold hat miterlebt, wie zwei fremde Welten sich begegnen – durch die Liebe Christi.

Bischof Anba Damian bewegt sich würdevoll um den Altar und schwenkt das Weihrauchfässchen, sodass die Luft sich immer mehr mit dem ätherischen Rauch füllt. Wir befinden uns in einem koptischen Gottesdienst – einem christlich-orthodoxen. Der Gesang, hatte der Bischof vorher gesagt, sei noch von den Pharaonen übernommen. Es ist eine seltsame Mischung: Melodie und Rhythmus erinnern an einen Muezzin, der Inhalt ist eindeutig christlich und die deutsche Sprache tut sich hörbar schwer mit den fremdländischen Arrangements.

 Draußen brennt die Augustsonne auf Menschen mit blauen Haaren, tätowierten Oberarmen und gepiercten Nasenflügeln. Auf der Hauptbühne wird Lobpreis gespielt, mit Geschrei und E-Gitarren. Ein oberkörperfreier Zwanzigjähriger düst auf dem Skateboard an mir vorbei - will es bestimmt noch schnell zum Hauptseminar schaffen. Das ist das Freakstock, das alljährliche „Familientreffen“ der Jesus Freaks in Borgentreich. Und genau da findet parallel zu verschiedenen anderen Angeboten der Gottesdienst des Koptischen Zentrums Borgentreich statt. Logisch, denen gehört schließlich das Gelände, auf dem die Freaks sich treffen. Das eigentliche Kloster der Kopten liegt im etwa dreißig Kilometer entfernten Brenkhausen.

Koptischer Glaube

 Die Zuhörer hängen dem Mann mit dem Rauschebart in schwarzer Robe und koptischer Kappe an den Lippen. "Koptisch, was soll das eigentlich sein?", parodiert er den Gedanken, der den meisten Besuchern im Kopf kreist. Viele lachen, weil sie sich ertappt fühlen und froh darüber sind, dass der Bischof weiß, wie niedrig er ansetzen muss. Eine Besucherin erzählt mir, dass sie gar nicht genau sagen kann, warum sie sich den koptischen Gottesdienst ansehen wollte. "Weil es exotisch klang und aus einer Eingebung heraus."

 "Koptisch" bedeutet zunächst einmal nichts anderes als "ägyptisch", erklärt der Bischof. Die Koptische Kirche sei die älteste christliche Kirche der Welt. Im ersten Jahrhundert habe der Evangelist Markus die Kirche in Ägypten gegründet. Die Liturgie entspricht dem "Koptischen Ritus", dessen Zentrum die Eucharistie, also das Abendmahl, bildet. Der Bischof erklärt, dass man im Altarraum, in dem sich der Bischof in einer Koptischen Kirche während des Gottesdienstes befindet, die Schuhe auszieht. Die meisten beginnen sich daraufhin geräuschvoll ihrer Schlappen und Flipflops zu entledigen - obwohl es im alten Kasernengebäude nicht mal die Andeutung eines Altarraumes gibt. Nach den entsprechenden rituellen Gebeten und Handlungen liest der Bischof aus dem in Gold gefassten Evangelium. Obwohl darauf traditionell keine Predigt folgt, lässt es sich Anba Damian nicht nehmen, für das junge Publikum ein paar auslegende Worte zur Freude in Jesus zu finden.

Kopten auf dem Freakstock

 Im letzten Jahr fand der koptische Gottesdienst in einem der kleinsten Veranstaltungsräume auf dem Gelände statt - und platzte aus allen Nähten. Deshalb wurde die zweiköpfige Gottesdienst-Delegation der Kopten - Anba Damian hatte seinen assistierenden Diakon dabei - diesmal in einem größeren Raum untergebracht. Doch der ist schon wieder zu klein. Die Leute sitzen teilweise auf dem Boden. Das Interesse an den Kopten und vor allem am Bischof ist groß, denn die Freaks lieben ihren "Koptenkönig". Hier und da findet man koptische Spuren auf dem Freakstock: Da gibt es den Falafel-Stand (frittierte Kichererbsenbällchen), hier die Einladung zur Klosterführung im Programm und auch die Initiative Egypt21, die auf dem Freakstock Unterstützer christlicher Mission in Ägypten finden will.

 Sowieso ist das Freakstock ein Markt der Möglichkeiten: Lobpreis, thematische oder praktische Seminare, Hauptseminare mit Predigten und abends die Konzerte, die wirklich fast alle Musikgeschmäcker ansprechen. Man kann auf dem Freakstock Schals und Schmuck genauso basteln, wie an seinen seelsorgerlichen Fähigkeiten feilen.

Jesus Freaks

 Die Jesus Freaks als Bewegung kennt man inzwischen deutschlandweit und darüber hinaus. Martin Dreyer gründete sie 1991 in seinem Hamburger Wohnzimmer. Er wollte Jesus vor allem zu denen bringen, die in der Gesellschaft und besonders in den traditionellen Kirchen nicht willkommen waren: Obdachlose, Punks, Junkies. Inzwischen hat sich die Zielgruppe der Jesus Freaks erweitert auf sämtliche junge Menschen, die sich einen Umgang mit dem Glauben wünschen, der ihrem alltäglichen Leben nahesteht - stilmäßig, musikalisch, sprachlich und thematisch. Dabei ist der Glaubenskern der Jesus Freaks evangelikal, eher konservativ und - was einige Volkskirchen kritisieren - von Laien geprägt. Grundsätzlich macht es die Vielfalt schwierig, das Wesen der Jesus Freaks wirklich zu definieren. Der koptische Bischof sieht sie so: "Ihr seid nicht nur hübsch, ihr seid schön. Die Quelle der Schönheit ist Jesus, der in euch wohnt. Er verleiht euch eine außerordentliche Schönheit, Charisma, Ausstrahlung."

Ungleiche Partner

  Wie kam es dazu, dass Anba Damian die Jesus Freaks in der Zusammenarbeit so schätzen lernte? Wie fanden sich die ungleichen Partner? Fabian Backhaus, ein Mitglied in der Leitung der Jesus Freaks, wohnte in Borgentreich, als man damals einen Ort für ein kleineres Treffen der Jesus Freaks suchte. Er wandte sich an den koptischen Bischof, der ihm das Kasernengelände zur Verfügung stellte. Damals, genauer seit 1997, fand das Freakstock noch auf dem Boxberg in Gotha statt. 2009 musste man das alte Gelände allerdings aufgeben und bei der Suche nach einer neuen Örtlichkeit erinnerte man sich an die Gastfreundschaft des koptischen Klosters. Und so zog das Festival 2009 nach Borgentreich.

 Wo sich bis dahin jedes Jahr bis zu 200 junge Menschen trafen, rückten nun um die 3.000 Jesus Freaks an. "Es gab sehr viele Vorbehalte hier im Ort. Es war nicht einfach, dieses Thema mit der Behörde zu diskutieren. Ich persönlich habe von vielen Geistlichen anderer Konfessionen sehr viele Bedenken und sehr viele negative Äußerungen über die Jesus Freaks gehört." Doch der Bischof lässt sich nicht von Vorurteilen beeinflussen: "Ich war der festen Überzeugung, dass Jesus Christus zu jedem Mensch hingegangen ist, unabhängig von der Meinung anderer." Er weiß selbst, dass er damit am Anfang ein "Alleingänger", in gewissem Sinne auch ein "Eisbrecher", war.

 Doch seine Hartnäckigkeit wurde belohnt: "Inzwischen machen auch die anderen Konfessionen mit." Genauso wie die Borgentreicher, die den bunten Haufen anfangs "als Punker und merkwürdige Menschen ansahen mit ihren farbigen Haaren, Tätowierungen und Piercings", erinnert sich Anba Damian. "Aber das Verhalten der Teilnehmer war sehr nobel, sehr christlich und spirituell. Und das hat die Borgentreicher sehr berührt. Die Menschen fingen an, sich zu schämen, wegen ihres Verhaltens und ihrer Vorurteile." Sogar bei den Behörden bemerkte der Bischof einen Sinneswandel: "Am Anfang gab es sehr viele, sehr komplizierte bürokratische Vorschriften. Aber im Laufe der Zeit hat man Vertrauen, Liebe und Respekt gewonnen und jetzt klappt es."

Unterschiede

 Nach dem Gottesdienst folge ich dem Bischof quer übers Gelände zum Falafel-Stand. Wir kommen kaum vorwärts, weil jeder den auffälligen Geistlichen grüßt, anspricht, umarmt. Und Anba Damian wimmelt keinen einzigen ab. Grüßt freundlich, bleibt stehen, beantwortet überrumpelnde Fragen. Er versuche so präsent wie möglich zu sein auf dem Freakstock, betont er. Er sei sogar schon in der Turbinenhalle gewesen, dem Ort mit der härtesten Musik auf dem Festival: "Aber nicht lange", lacht er. Wirklich einzutauchen, gelingt ihm nicht - er hat in seiner Funktion als höchster Vertreter des Koptischen Patriarchen in Deutschland zu viel zu tun. Bei der Planung des einzigen Gottesdienstes, den die Kopten auf dem Freakstock ausrichten, war die Zusammenarbeit mit Technikern und der Übersetzerin auch eher spärlich. Trotzdem begrüßt er sie unglaublich herzlich - wie alte Freunde.

 Der Bischof setzt sich auf eine Bank der Biertischgarnitur vor dem ägyptischen Falafel-Stand, hinter ihm die Hauptbühne, auf der gerade die Konzerttechnik vorbereitet wird. Jetzt mal Hand aufs Herz, bei so unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen muss es doch pausenlos zu haarigen Diskussionen kommen. Nun ja, zum einen gebe sich die Koptische Kirche alle Mühe, die teilweise schwer verdaulichen, weil in die Jahre gekommenen Inhalte dem modernen Europäer zugänglich zu machen. "Wir haben die Liturgie übersetzt, wir verwenden moderne Medien wie Internet, SMS, E-Mails, Facebook, …" Die ausgeprägte Jugendarbeit ist eine Besonderheit der koptisch-orthodoxen Kirche.

 Und zu guter Letzt: "Es bewirkt einfach die Liebe Christi, dass die älteste Kirche dieser Erde die jüngste christliche Bewegung aufnimmt und umarmt." Es ist wunderbar zu hören, wie der Bischof während des Gottesdienstes seine Wertschätzung ausdrückt: "Ich habe Hochachtung vor eurem Leben, vor eurer Beziehung zu Gott, vor euren Überzeugungen und vor eurem Mut, Jesus Christus als euren Gott öffentlich zu bekennen. Und deswegen bin ich mit euch ein Jesus Freak."

Gemeinsam

 Ein besonders bewegendes und verbindendes Erlebnis, das er nie im Leben vergessen wird, teilt der Bischof noch mit mir und den inzwischen zahlreichen Umsitzenden am Falafel-Stand: Es war Freakstock, Anba Damian stand auf der kleinen Straße, die über das Gelände führt, allein mit großen Sorgen beladen - um das Gelände und um die Zukunft. "Ich sollte lächeln, aber mein Herz hat geblutet", erinnert er sich. Da kamen vier Leute aus dem Leitungskreis der Jesus Freaks auf ihn zu. Ohne zu wissen, was in ihm vorging, legten sie ihm die Hände auf die Schultern und beteten mit ihm. "Es war so schön und ein Gebet aus der Tiefe des Herzens. In einem Augenblick, in dem ich mit dieser Verantwortung völlig allein gestanden und mich absolut einsam gefühlt habe, fand ich auf einmal Menschen, die keine Kopten sind und auch nicht orthodox, die einfach genau mein Herzensanliegen trafen."

 In diesem Moment überwanden die Betenden Konfessions- und Generationengrenzen. Wie oft schaffen wir das nicht? Wieso eigentlich? Anba Damian ist deutlich: "Wir müssen von unserem hohen Thron runter. Wir müssen auf die Jugendlichen zugehen." Aus eigener und aus kirchengeschichtlicher Erfahrung hat er die drei Königswege ins Herz junger Menschen herausgefiltert: Sport, Musik und Umwelt. Aus der Begegnung mit ihm könnte man das noch ergänzen um: Humor und ein Lächeln.

Füreinander

  Trotzdem gibt es auch heute Themen, die dem Bischof Sorgen bereiten, sein Lächeln vertreiben. "Die Lage der Kopten in Ägypten ist wirklich sehr kritisch." Er erzählt, dass sich die Situation dort seit dem arabischen Frühling mehr und mehr verschlechtert hat. "Dort stehen Salafisten vor den Koptischen Kirchen und warnen die Frauen, die ohne Kopftuch den Gottesdienst besuchen, dass sie mit Säure überkippt würden, wenn sie beim nächsten Mal wieder ohne Kopftuch kämen."

 Vor der Islamisierung Ägyptens bildeten die Kopten dort die religiöse Mehrheit. Inzwischen ist der Prozentsatz auf unter zwanzig Prozent gesunken. Anba Damian will sich für seine Glaubensgeschwister einsetzen, hat bald ein Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter in Berlin. Und auch an die Jesus Freaks richtet er seinen Hilferuf: "Gebet bewirkt viel. Wir müssen Solidarität zeigen. Wir müssen als Gemeinde Christi und als Kirchen alle viel enger zusammenstehen."

 Die Jesus Freaks können sich das erlauben, was den Christen in Ägypten unmöglich ist: Ihren Glauben auf ihre ganz eigene Art und Weise öffentlich und frei ausleben. "Für mich als Ägypter ist das außergewöhnlich, weil wir in meinem Heimatland, wo wir in einem islamischen Umfeld leben, so etwas nicht machen dürfen. Wir können nicht laut singen, wir können keine Prozession machen - das ist undenkbar. Deswegen sehe ich diese Veranstaltung als einen klaren Beweis für die Religionsfreiheit, für die Würde des Menschen, für die Entfaltungsmöglichkeit. Für mich ist das hier nicht irgendeine Veranstaltung, sondern ein Segen."

Kristina Petzold studiert in Essen Germanistik, Literatur- und Medienpraxis. 


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