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Trotz bester Absichten können Hilfswillige leicht mehr zerstören, als sie aufbauen. Worauf sie achten sollten und warum wir alle ungern Hilfe annehmen, erläutert Heinrich Kaufmann im Gespräch mit Agnes Wedell. Der frühere Altenheim- Seelsorger wird im Herbst eine christliche Ehe- und Familienberatungsstelle im Christlichen Gästezentrum Württemberg (Schönblick) aufbauen.
Weshalb fällt es manchen Senioren eher leicht, sich helfen zu lassen und andere tun sich sehr schwer damit?
Mir fällt auf, dass sich fast alle Senioren schwer tun, Hilfe anzunehmen. Und ehrlich gesagt: Ich spüre auch, dass es mir einmal schwer fallen wird, mir helfen zu lassen. Warum das so ist? Ich denke, da gibt es viele unterschiedliche Antworten. Viele sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass Geschenke verpflichten. So mussten wir Kinder bei unserer Konfirmation reparieren. Hilfe anzunehmen gelingt hingegen meist solchen, die sich Hilfe als gewünschte Leistung buchen können. Solange ein Hilfsangebot entlohnt werden kann, ist es nicht schwer, dieses anzunehmen. Es ist dann eine Leistung, die sich der Mensch leisten kann. Darin drückt sich dann etwas von Größe aus. So gesehen ist es leichter damit umzugehen. Dagegen ruft Abhängigkeit von anderen Scham hervor. Es hat immer auch etwas Demütigendes, Hilfe zu beanspruchen. Der Helfer erscheint stark, der Hilfsbedürftige schwach. Und wer will schon schwach sein?
Wie kann ein Hilfebedürftiger lernen, seine Situation anzunehmen und auf die Hilfe dankbar zu reagieren? Kann man sich auf diese Situation vorbereiten?
Ich glaube nicht, dass man sich wirklich darauf vorbereiten kann. Solange wir irgend selbst können, nehmen wir das Heft auch selbst in die Hand. Das lernt man erst dann, wenn Gott uns die Möglichkeiten entzieht, uns selbst zu helfen. Dann sind das neue uns zugemutete Wachstumsbereiche. Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner weist in seinem lesenswerten Buch „Leben und sterben, wo ich hingehöre“ (Paranus Verlag) darauf hin, dass es leichter ist, Hilfe anzunehmen, wenn man in Zeiten eigener Vitalität anderen geholfen hat. Ferner macht er darauf aufmerksam, wie wichtig es ist hinzuschauen, wo Hilfe-Empfänger selbst anderen noch helfen können, wenn auch im kleineren Maß. Das erleichtert es, Hilfe anzunehmen.
Was können Hilfswillige tun (oder unterlassen), um es dem Hilfsbedürftigen leichter zu machen, seine Situation zu akzeptieren?
Wer einem anderen helfen will, braucht nicht nur Einsatzbereitschaft und guten Willen zuzupacken. Es braucht Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen, wenn ich einem hilfsbedürftigen Menschen Hilfe anbiete. Ich werde nie vergessen, wie ich damals meiner depressiven Frau in der Küche helfen wollte und mein Zupacken für sie eher zum zusätzlichen Problem wurde. Es ist halt nicht einfach zu sehen, wie andere etwas schneller oder überhaupt machen können. Da wird man als Helfer mit guten Absichten ganz schnell schuldig. Es gibt hilfsbereite Menschen, die stillen mit ihrer Hilfsbereitschaft ein eigenes Bedürfnis. Sie definieren sich darüber. Nicht selten gehen gerade diese Leute über den anderen hinweg, und nehmen seine Empfindungen nicht wahr. Ich merke immer wieder, wie es zum Türöffner wird, einmal vom anderen her zu denken und dessen mögliche Gefühle stellvertretend für ihn auszusprechen. Etwa indem ich sage: „Es ist sicher nicht leicht festzustellen, dass Sie dies oder jenes nicht mehr so gut selbst erledigen können, weil (zum Beispiel) Ihr Augenlicht so nachgelassen hat. Dabei waren Sie doch immer jemand, der sehr sauber und ordentlich war.“ In einer solchen Formulierung holt man den Hilfsbedürftigen bei seinen Gefühlen ab und gibt ihm zugleich Wertschätzung.
Was sollten Helfer sonst noch beachten?
Warum nicht das kleine Geschenk annehmen, statt immer eine Liste führen, was uns von wem geschenkt wurde. Wozu das Ganze? Um dann zu wissen, was man im Gegenzug bei Gelegenheit zu schenken hatte. Sich wirklich beschenken zu lassen, fällt gar nicht so leicht.
Ist das also vor allem eine Sache der Erziehung?
Da spielt sicher auch mit hinein, dass wir ja in einer „Do it yourself“-Gesellschaft aufgewachsen sind. Man hat gelernt, darauf stolz zu sein, alles selbst zu machen. Mit dem entsprechenden Begleitheft kann der Laie tapezieren oder Autos zu sagen: „Das habe ich doch gerne gemacht.“ Das kleine Geschenk dankbar anzunehmen hat mit Würdigung des Gegenübers zu tun. Wenn es um Körperpflege, gerade auch Intimpflege geht, scheint es mir wichtig, diese nicht auszuführen, ohne dabei mit dem Menschen zu sprechen und ihm auch in die Augen zu schauen.
Besonders belastend kann es sein, einem demenziell veränderten Menschen zu helfen. Seine Welt verändert sich so stark, dass es dem nicht Betroffenen unheimlich schwer ist, sich da hinein zu denken. Wer demenziell veränderten Menschen Hilfe anbietet, sollte sich wirklich im Blick auf dieses Erscheinungsbild schulen lassen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Agnes Wedell ist Redakteurin von LebensLauf
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