Siegfried Steege ist mit Herz und Hand Schuhmacher.

Der Schuhmacher

Siegfried Steege (77) ist seit siebenundfünfzig Jahren Schuhmacher, ein Beruf, der sich seitdem gewandelt hat. Und er mit ihm.

Beim Betreten des Ladens läutet die Türglocke dreimal. Ich muss mich einige Sekunden gedulden, ehe der Inhaber aus dem Raum hinter der Theke hervortritt. Das kenne ich schon, denn ich bin nicht das erste Mal hier im Schuh-Reparatur-Fachbetrieb von Siegfried Steege. Wer als Kunde mit seinen abgelaufenen Stiefeln hierher kommt, findet den langjährigen Schuhmacher mitten in der Arbeit vor: Die Maschine knarzt, rotiert, ächzt. Dem Hereinkommenden steht er mit dem Rücken zugewandt. Da muss man schon mit einem lautstarken „Hallo“ auf sich aufmerksam machen. Dann dreht sich der grauhaarige Mann mit den stahlblauen Augen um, wirft einen Blick über den Brillenrand und sieht, was zu tun ist, was geht und was nicht.

Gelernte Handwerkskunst

Worauf es bei der Schuhneuanfertigung ankommt und welche Werkzeuge es braucht? Lang ist’s her. Siegfried Steege holt sein Fachbuch hervor, um das Schuhhandwerk verständlicher zu erklären. Die fachlich richtige Ausdruckweise ist ihm wichtig. „Achten Sie unbedingt darauf, Schuhmacher zu schreiben, nicht Schuster. Das wäre, als ob Sie zum Arzt Pfuscher sagen“, erklärt er mit tiefer Stimme. Ein Freund des Ladenbesitzers betritt das Geschäft, um nach dem Zustand der Maschinen zu sehen. Während der Schuhmacher mit den von Arbeit gezeichneten Händen im Buch blättert, blickt ihm sein langjähriger Freund über die Schulter und raunt: „Das ist doch vom vorletzten Jahrhundert!“ Stimmt, fast.

Nicht nur an Maschinen erkennbar: Der Beruf des Schuhmachers hat sich stark gewandelt.

Dieses Buch besitzt Siegfried Steege seit dem ersten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Schuhmacher, die er 1959 abgeschlossen hat. Er war damals der letzte Lehrling, den die Orthopädie-Schuhmacherei Gießelmann in Gelsenkirchen-Buer im Ruhrgebiet ausgebildet hat. Schuhe waren noch Maßanfertigung, teuer im Preis und nicht für jedermann erschwinglich. Nachdem ein Fußabdruck erstellt wurde, wurde nach diesen Maßen ein individuelles Schuhmodell, der Leisten, angefertigt, dann das etwa acht Monate lang gegerbte Oberleder mit Nägeln darüber „gezwickt“ und die Ledersohle angenäht. Die Sohlenkante, die den Schuhboden umrahmt, wurde mit einem zuvor rundgebrochenen Glas-Werkzeug bearbeitet. Während der gelernte Schuhmacher von diesen Arbeitsschritten erzählt, die bis zum fertigen Schuh gut zwei Tage in Anspruch nahmen und in seinem jetzigen Arbeitsalltag praktisch nicht mehr vorkommen, huscht ein Lächeln über sein faltiges Gesicht. Das Schuhe-Machen war ihm die größte Freude.

Handwerksberuf im Wandel

Doch die Schuhmanufaktur wurde nach und nach verdrängt. Ein Prozess, der mit Einführung der maschinellen Schuhproduktion ab 1870 einsetzte, auf den der Schuhmacher reagieren musste – und auch wollte –, denn inzwischen war er verheiratet und hatte eine Familie zu versorgen. Nachdem er nur wenige Jahre nach der Ausbildung in seinem Handwerk, der Schuhneuanfertigung, gearbeitet hatte, machte er sich in der Schuhreparatur selbstständig. 1967 eröffnete er seinen ersten eigenen Betrieb in Duisburg. Zehn Jahre später zog er nach Witten, wo er bis heute arbeitet.

Auch wenn sich viel verändert hat – Siegfried Steege keine Schuhe mehr „macht“, sondern sie repariert –, das Handwerkswissen kann ihm keiner mehr nehmen. „Über fünfzig Jahre Erfahrung kann man nicht mit einer Schulung gleichsetzen, wie sie heute üblich ist“, sagt er und meint damit die Schnell-Reparatur-Services, die inzwischen in jeder Stadt zu finden sind.

Siegfried Steege stellt mehr sein Handwerk als sich selbst in den Mittelpunkt.

Ein Zeichen von Qualität

Siegfried Steege selbst trägt nur Lederschuhe. Denn er weiß, woran man Qualität erkennt. Echtes Leder sei da nach wie vor konkurrenzlos. „Heutzutage sind die meisten Schuhe aus Kunststoff. Bei der Sohle ist das nicht so schlimm, aber das Obermaterial sollte aus Leder sein.“ Ob er seine eigenen Schuhe herstellt? Nein, da sei er raus. „Die Verbindung, das Gefühl dafür ist verloren gegangen.“ Wieder bekommt sein Gesicht dieses Strahlen, wenn er vom Schuhhandwerk spricht – von damals. Heute hat er sich mit der Reparatur arrangiert.

Anhand einer schwarzen Lederstiefelette demonstriert Siegfried Steege den Auftritt beim Gehen. Während er den Schuh vom Absatz beginnend wie eine Wiege durch die Luft schwingt, erklärt er: Erst die Ferse, dann der seitliche Fuß, zum Schluss wird über den Fußballen abgerollt. Wenn man wütend sei, trete man mit der Ferse härter auf, das Ergebnis: ein stark abgelaufener Absatz. „Wenn Sie verliebt sind, haben Sie überhaupt keinen Verschleiß“, sagt er schmunzelnd, „Sie fliegen förmlich.“

Das Versprechen

Auch wenn Siegfried Steege zusätzlich zur Schuhreparatur einen Schlüsseldienst eingeführt hat, um genug Umsatz zu machen – an Aufträgen mangelt es ihm nicht. Was der Kunde wünscht, wird gemacht, wenn es machbar ist. Aus einem Damenstiefel mit Keilabsatz und Plateau einen Pfennigabsatz fertigen? „Wenn sich der Kunde in diesen Schuh verliebt hat, mache ich das“, sagt er, während er das Exemplar mit üppiger Naturkrepp-Sohle hochhält. Mit dem Abholtermin gibt Herr Steege sein Versprechen ab. Natürlich kommen auch mal unvorhergesehene Fälle dazwischen, der Herrenschuh für den Bräutigam etwa. „Da kann man schon ins Rotieren kommen, wenn man nicht aufpasst. Ich habe gelernt, ‚Nein‘ zu sagen.“ Auch das macht wohl die Erfahrung.

Text und Fotos von Marietta Steinhöfel (26): Sie schätzt es, liebgewonnene Stiefel in Schuhmacherhände mit Erfahrung geben zu können.

 

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