Der Sachbearbeiter

Seit knapp dreißig Jahren ist Günter Viol in Rente. Er blickt dankbar auf ein gelungenes Leben zurück, das sich beruflich und privat in den richtigen Momenten zu seinen Gunsten fügte.

Günter Viol und seine Frau Lieselotte: Eine 52-jährige Ehe und eine „magische“ erste Begegnung.

Es war am 15. Mai 1951, mitten im Monat, als ich im Rechnungswesen in der Verwaltung der Henrichshütte Hattingen angefangen habe, die Eisen und Stahl produzierte und weiterverarbeitete. Das war schon was Besonderes, denn eigentlich war ich noch in einer anderen Stelle tätig, der Märkischen Seifenindustrie in Witten, und hatte nicht damit gerechnet, so schnell den Job wechseln zu können. Doch die Henrichshütte war die ganze Zeit mein Ziel gewesen. Sie lag näher am Wohnort von meiner Verlobten und mir, in Bredenscheid bei Hattingen. Zuvor musste ich nämlich jeden Tag mit dem Zug bis Witten-Bommern fahren und von da aus, den Berg rauf, bis in den nächsten Ortsteil laufen – ziemlich mühsam. Ein Freund von mir arbeitete schon in der Hütte und wusste von meinem Wunsch. Als die Stelle des Sachbearbeiters frei wurde, hat er mir sofort Bescheid gesagt. Das war mein eigentlicher Start ins Berufsleben. Ich wohnte noch bei meinen Eltern, war verlobt und hatte schon ein bisschen was erlebt.

Nachkriegsjahre

Direkt nach der Schule musste ich Soldat werden. In der Nähe von Bitterfeld, im heutigen Sachsen-Anhalt, geriet ich in Gefangenschaft. Nach Kriegsende stand ich da mit meinen achtzehn Jahren, ohne Beruf und ohne Heimat. Irgendwo musste ich bleiben: Bei einem Bauern bekam ich ein Zimmer, Arbeit und Verpflegung. So überbrückte ich ein Jahr, bis mich mein Vater über den Suchdienst vom Deutschen Roten Kreuz ausfindig machte und ich kurze Zeit später zu meinen Eltern in die kleine Wohnung in Bredenscheid ziehen konnte. Im Nachbarhaus gegenüber wohnte eine Witwe mit zwei Töchtern. Die Jüngere lief mir über den Weg … Es war Winter, ich schmiss einen Schneeball nach ihr und bekam ein schnippisches „Dankeschön!“ zurück. Sie war wie ein Angelhaken, den Gott nach mir ausgeworfen hatte und von dem ich nie wieder loskommen sollte. Mit ihrer Mutter ging sie in die Kirche, also bin ich auch hin. So saß ich jeden Sonntag zwei Reihen hinter ihr. Es hat eine ganze Weile gedauert – aber dann ist es für uns beide die Liebe des Lebens geworden! Lieselotte und ich hatten eine wunderbare Ehe, 52 Jahre lang.

Jedes Möbelstück im Reich von Günter Viol ist wohlüberlebt angeschafft, nach dem Krieg hatte man keinen Platz für Überfluss.

Segen in jungen Jahren

„Wenn du mal 400 Mark verdienst, dann können wir heiraten“, sagte Lieselotte damals scherzhaft. Und ich war gesegnet, ohne mein Drängen, beruflich aufzusteigen: Nach wenigen Jahren wurde ich mit der Gruppenleitung in der Betriebsbuchhaltung anvertraut, dann wurde ich Abteilungsbereichsleiter, zuletzt Abteilungsleiter. Wir waren für die Abrechnung der Gesamtkosten des Werks verantwortlich. Wenn eine neue Maschine angeschafft wurde, der Lohn ausbezahlt werden musste – das alles landete auf unserem Tisch. Wir haben dann, damals natürlich noch manuell, die Belege entsprechend mit Stempeln kontiert. Einige Jahre später ging es mit der digitalen Datenverarbeitung los, Lochkarten kamen hinzu.

Der Segen hört nicht auf

Im Jahr 1987 wurde der letzte Hochofen der Hütte stillgelegt. Genau ein Jahr zuvor beendete ich meine Arbeit. Schon mit 59 konnte ich in den vorgezogenen Ruhestand gehen. Auch das war einer – wie sagt man so schön? – göttlichen Fügung zu verdanken. Mein damaliger Vorgesetzter setzte sich beim Vorstand für mich ein. Meine Frau war zunächst skeptisch. Sie fragte mich, ob ich mir denn überlegt hätte, was ich den ganzen Tag zu Hause machen wolle. Hatte ich nicht. Wie so oft in meinem Leben, fügte es sich. Da war keine Spur von Langeweile. Nach all den Jahren der Arbeit und Mehrstunden – die Vierzig-Stunden-Woche gab es ja noch nicht – hatten wir endlich Zeit füreinander. Von da an haben wir alles gemeinsam gemacht und durften Dank meiner guten Rente mehrmals im Jahr verreisen. Gott hat uns reich beschenkt!

Günter Viol lebt noch immer in Hattingen und ist dankbar, für ein gesegnetes Leben, das er diesen Sommer 90 Jahre lang führen darf.

 

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