In der Backstube stehen war hartes Brot, daran erinnert sich Johannes Grube noch heute. Foto: Stefan Lack

Der Bäcker

Johannes Gruber (83) hat Ende der 1940er-Jahre seine Ausbildung zum Bäckergesellen gemacht. Er berichtet Sarah Lang von dieser Zeit und gibt Einblicke in die Arbeitswelt der brotbackenden Frühaufsteher.

„Weiße Kluft mit Schiffchen oben auf dem Kopf!“ So beschreibt Johannes Gruber seine Arbeitskleidung als Bäckerlehrling. „Und einen Acht-Stunden-Tag gab es damals noch gar nicht – wir haben bis zu zwölf Stunden jeden Tag geschuftet!“ Für mich als Auszubildende zur Medienkauffrau im dritten Lehrjahr unvorstellbar. Sein damaliger Lohn? Zwei D-Mark pro Woche. Seine Urlaubstage? 14 an der Zahl. Und zwischen vier und fünf Uhr morgens aufstehen war ein notwendiges Übel. Eine spannende und völlig andere Welt tut sich mir auf …

Lehrbrief des Bäckermeisters. Foto: privat

„Lehrling gesucht“

In der Nachkriegszeit war es schwer, eine Lehrlingsstelle zu bekommen. Viele Betriebe mussten sich neu sortieren, wieder zu Kräften kommen und konnten sich selbst kaum über Wasser halten. Johannes Gruber war 14 Jahre alt, gerade mit der „Volksschule“ fertig und suchte nun eine Stelle. „Eisenbahner – das war mein Traumberuf. Aber fi nd’ mal eine Stelle bei der Eisenbahn …!“ Die Idee, man könnte ja auch Bäckergeselle werden, kam dann schließlich von seinem Schwager. Die passende Stellenbeschreibung fand sich in einer Zeitungsannonce, und so wurde Johannes Gruber am 1. April 1948 Lehrling in einer kleinen Bäckerei in Gifhorn in Niedersachsen.

Eine zweite Heimat

„Kost und Logis waren bei der Ausbildung mit dabei“, erinnert sich Johannes Gruber. Er lebte praktisch bei seinem Bäckermeister mit im Haus und war nur selten bei seinen Eltern. Aber die Bäckerstube mit ihren fl eißigen Arbeitern war zu einer zweiten Heimat geworden – einer zweiten Familie. Zu viert waren sie in der Backstube: der Bäckermeister, der Altgeselle und zwei Bäckerlehrlinge. Die Aufgaben waren genau verteilt, jeder wusste, was er zu tun hatte. Und Arbeit gab es immer genug. Insgesamt fünf Brotsorten wurden damals angefertigt: Pumpernickel, Roggen-, Misch-, Vollkorn- und Weißbrot, dazu noch Brötchen. Teilchen und Kuchen wurden vor allem samstags verkauft, für das familiäre Kaffeetrinken am Sonntagnachmittag. Nach der Währungsreform im Juni 1948 gab es wieder Butter zu kaufen – „… ab da haben wir Buttertorten nicht mehr mit Margarine hergestellt“, erzählt Johannes Gruber mit einem verschmitzten Lächeln.

Johannes Gruber, 1949, mit Jahrgang seiner Ausbildung zum Bäckermeister. Foto: privat

Berufsschule damals

Ob er denn auch zur Berufsschule musste, möchte ich gerne wissen. In seinem ersten halben Lehrlingsjahr gab es noch keine Berufsschule, die war gerade erst in der Entwicklung. Sein Jahrgang war der erste im Kreis Gifhorn mit Ausbildungsberufen, die mit Nahrung zu tun hatten: Metzger, Müller, Fleischer, Bäcker … Vor der Berufsschule musste Johannes Gruber dann – wie kann es anders sein – um vier Uhr aufstehen, um Brot und Brötchen zu backen. Dann wurden bis zu zweihundert Brötchen verteilt – auf dem Fahrrad mit Korb und Anhänger, in kleine Beutel, die draußen an den Türen derer hingen, die bei der Bäckerei bestellt hatten. Klingt für mich wie eine Szene aus einem alten Schwarz-Weiß-Film – irgendwie romantisch. Doch: „Nachdem der Tag schon um vier Uhr angefangen hatte, ich mit dem Fahrrad alle Kunden abgeklappert und mich frisch gemacht hatte, ging es zur Berufsschule, um dann am Nachmittag wieder in der Bäckerei mit anzupacken!“ Also doch nicht so idyllisch, eher ziemlich „hartes Brot“ …

Traumberuf

Die Hitze in der Backstube, das frühe Aufstehen und die, bedingt durch die Nachkriegszeit, primitiven Arbeitsmittel, machten den Beruf des Bäckers nicht besonders attraktiv. Leider fehlten die fi nanziellen Mittel, sonst hätte sich Johannes Gruber eine eigene Konditorei mit Café gut vorstellen können. Alternativ hätte er „eine Bäckerstochter heiraten müssen“, um sich etwas Eigenes aufbauen zu können, doch das sei nicht Gottes Weg mit ihm gewesen. Dafür bin ich heute sehr dankbar, denn sonst hätte er nie meine Oma kennengelernt … Schlussendlich hat Johannes Gruber dann doch noch umgesattelt und seinen früheren Traum, Eisenbahner zu werden, in die Tat umgesetzt. „41 Jahre bei der Eisenbahn“, verrät er mir, nicht ohne Stolz in den Augen. Aber seine Liebe zur Konditorei, zu Kuchen, Teilchen und Buttercremetorten ist geblieben – davon profi tieren wir heute noch bei diversen Familientreffen.

Sarah Lang (24) ist Redaktionsassistentin im SCM Bundes-Verlag.
0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen